Die Freiheit, die wir verschenken (oder: warum ich bei Twitter raus bin)

Anil Dash hat einen hervorragenden Text darüber geschrieben, wie wir in den vergangenen zehn Jahren Stück für Stück unsere Freiheit im Netz abgeschafft haben, indem unsere Inhalte vom freien Internet in geschlossene Netze gewandert sind, in denen wir als Nutzer nicht mehr viel zu sagen haben:

„We get excuses about why we can’t search for old tweets or our own relevant Facebook content, though we got more comprehensive results from a Technorati search that was cobbled together on the feeble software platforms of its era. We get bullshit turf battles like Tumblr not being able to find your Twitter friends or Facebook not letting Instagram photos show up on Twitter because of giant companies pursuing their agendas instead of collaborating in a way that would serve users.”

Bilder werden in Facebook statt Flickr hochgeladen, Inhalte werden in Google+ und Facebook geteilt statt gebloggt, Geschichten werden auf Twitter erzählt — und in keinem der Fälle kann man diese Inhalte wirklich frei weiterverbreiten. Ganz im Gegenteil: Twitter, Facebook und Google+ sind geschlossene Inseln im Internet, aber eben nicht das Internet. Twitter schreibt immer stärker vor, was ein Client darf und Instagram (bzw. der Eigentümer Facebook) will nicht mehr, dass die Bilder bei Twitter einfach einzubinden sind. Facebook selber ist nur nach Anmeldung zu nutzen und bietet keine Möglichkeit, seine Inhalte anderen im Netz auch ohne Beitritt zur Verfügung zu stellen. Es sind eben alles nur Inseln, die man betreten und selten wieder einfach verlassen kann. Und auf jeder Insel wird daran gearbeitet, dass man nie wieder geht.

Das ist nicht das Internet, das ich kennen und schätzen gelernt habe. Und das ist auch nicht das Internet, das ich in Zukunft haben will. Ich will keine Inseln, die vielleicht miteinander kommunizieren und ansonsten ihre User zu Werbezwecken überwachen und melken. Dabei sind die freien Alternativen immer noch vorhanden: RSS existiert, Webseiten kann man heute in Nullkommanichts per Mausklich erstellen, Webforen gibt es in riesiger Zahl und vor allem gibt es immer noch die Klassiker des freien Internets: das Usenet und IRC.

Das Usenet ist dabei ein Paradebeispiel für ein freies, selbstbestimmtes Internet. Die Newsserver bilden ein Netzwerk, in dem die Newsgruppen und deren Beiträge untereinander ausgetauscht werden. Solange man sich an die technischen Spezifikationen — die RFCs — hält, kann jeder nicht nur daran als Nutzer teilnehmen, sondern auch selber Server betreiben. Es gibt keinen Besitzer, keinen Verwalter und niemanden, der etwas bestimmen kann. Es sind die Nutzer, die das Usenet und seine Regeln bestimmen. Wer mitmachen will, schließt sich einfach an. Punkt.

Das Usenet

Das Usenet. Jeder kann teilnehmen. (Quelle: Wikipedia, Kein Copyright, Public Domain)

Und genau das Gleiche gilt für den Internet Relay Chat (IRC). Jeder kann teilnehmen, jeder kann einen Server betreiben, jeder kann einen Client programmieren — das IRC ist im besten Sinne frei.

Klar: Usenet und IRC sind unbequeme Medien. Es gibt keine bunten Oberflächen, keine Spiele, keine lustigen Bilder und HTML ist in der Regel verpönt. Allerdings war Freiheit noch nie bequem, sondern immer eine Anstrengung gegenüber dem All Inclusive Urlaub bei Facebook und Co. Es ist ein Stück weit wie in der Matrix. Entweder man verbringt ein ruhiges Leben an Schläuchen in Nährlösung und wird umsorgt oder man entscheidet sich für die Freiheit und gestaltet sich sein Internet so, wie man es möchte und nicht wie man es darf.

Und deswegen bin ich nach fünf Jahren schonmal bei Twitter raus.

Update [26.02.2012]: So einfach lässt Twitter die Leute nicht gehen:

Mail vom 10.12.2012:

„Hi,

wir haben uns Deinen Account angesehen und es sieht so aus, als hätte sich Dein Problem in der Zwischenzeit gelöst (Dein Account ist derzeit deaktiviert und wird nach 30 Tagen permanent gelöscht). Wenn nicht, antworte bitte auf Diese E-Mail und wir werden Dir weiterhelfen. Ansonsten wünschen wir Dir einen schönen Tag!

Viele Grüße
verenski

Twitter Support
help.twitter.com
@support”

Gestern (am 25.01.2013, mehr als 30 Tage danach!) habe ich Twitter dann aus Versehen mit einem meiner Browser aufgerufen, in denen ich noch eingeloggt war. Und, siehe da:

„Welcome back, kbojens.

Your Twitter account has been reactivated. You can now log in with your current account password.”

Und denen soll ich über den Weg trauen?